Wer bin ich, wenn ich die Essstörung loslasse?

Etwas, womit gerade sehr zu kämpfen habe, ist das Thema: wer bin ich ohne meine Essstörung? Ich habe das Gefühl, über all‘ die Jahre, die sie meine Begleiterin war, war sie so ein großer Teil der Identität, dass wenig Raum blieb, meine eigene wirklich auszubilden. Besonders in den wichtigsten Jahren, mit 16,17,18 war sie so einnehmend, dass ich die Chance verpasst habe, mich in der Zeit selbst zu finden. Das nimmt mich gerade unfassbar mit, macht mich sauer, traurig und vor allem: ein bisschen verloren.

Woraus schöpfe ich jetzt meinen Selbstwert?

Ich habe die letzten Tage gemerkt, dass mein Selbstwertgefühl ganz furchtbar ist. Dass ich nicht wirklich weiß, woran ich aktuell mein Selbstbewusstsein festmachen soll, ohne dass es einen konkreten Auslöser gegeben hätte. Es läuft alles okay, ich habe nirgendwo schlimm versagt oder ähnliches. Aber mir fehlt gerade irgendwie eine Quelle der Selbstbestätigung.
Heute in der Therapie ist mir dann klar geworden, woran das liegt.

All die Jahre, auch die, in denen es schon besser lief, aber natürlich besonders in der schlimmsten Phase, als mein ganzes Leben sich nur um das Nicht-Essen gedreht hat, hatte ich etwas, woran ich mich festhalten konnte. Da war etwas, dass ich zu 100% kontrolliert habe. Wobei, eigentlich hat es mich zu 100% kontrolliert und so musste ich nichts anderes finden, woran ich mich selbst festmache. Dann ging es bergauf, aber es blieb dabei, dass die Essstörung viel Raum eingenommen hat. Dass sie irgendwo meinen Tagesablauf und vor allem mein Gefühl von Selbstdisziplin und Selbstwert bestimmt hat. Ich hatte klare Strukturen, die ich kannte und nach denen ich gelebt habe.

Loslassen und neuen Halt finden

Jetzt muss ich das loslassen. Oder, ich habe schon einiges davon losgelassen. Und so froh ich darüber bin, so glücklich ich bin, dass es mir besser geht, so tut sich gerade auch ein großer Boden unter meinen Füßen auf. Das klingt bescheuert, aber ein großer Teil meiner Identität ist weggebrochen, einfach so. Etwas, das mir die Chance genommen hat, meine eigentliche Identität richtig auszubilden in der Zeit, in der ich es hätte tun sollen.

Und aktuell bin ich wirklich sauer. Sauer darauf, dass mir so viele Erfahrungen entgangen sind. Ich hätte so viele Fehler machen, aber auch Chancen wahrnehmen können. Ich habe meine Abifahrt, meinen Abisturm und wahrscheinlich ein paar der besten Jahre verpasst. Und auch überall, wo ich dabei war, war ich doch irgendwie mehr anwesend als wirklich mittendrin.


Das kann ich nicht rückgängig machen. Aber ich kann versuchen, es dabei zu belassen. Mich damit abzufinden und dafür umso stolzer zu sein, dass ich mir jetzt gerade die Möglichkeit erkämpfe, das nachzuholen. Denn: es ist nicht zu spät. Ich bin nicht zu alt dafür, herauszufinden, wer ich bin, was ich will und was mich ausmacht. Denn ich weiß, dass es da ganz vieles gibt, was mich interessiert. Dass ich so viel mehr zu bieten habe, als das!
Deswegen versuche ich jetzt, nach vorne zu blicken. Fehler zu machen, zu lernen, zu wachsen, über mich hinaus zu wachsen. Vielleicht bleibt das auch eine Reise ohne Ziel, aber ich bin auf jeden Fall bereit, sie anzutreten und alles mitzunehmen, was geht. Und die Essstörung, die darf nicht mehr mit.

Die Bilder sind von der lieben Eva @evamarderfotografie <3

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