Warum ich gerne ein schwarzes Schaf bin…

Eigentlich ist es verrückt, dass in einer Gesellschaft, die so nach Individualität und Selbstverwirklichung strebt, die Metapher „schwarzes Schaf“ überhaupt noch existiert. Doch ich habe manchmal den Eindruck, dass wir uns selber etwas vormachen, wenn wir uns damit rühmen, tolerant, weltoffen und aufgeschlossen zu sein. Manchmal überkommt mich das Gefühl, dass sich zwar der Rahmen dessen, was als akzeptabel und „normal“ angesehen wird, erweitert hat, aber dennoch jede Abweichung missbilligt wird. Das heißt, wenn wir davon sprechen, liberaler zu sein, meinen wir eigentlich: „Der Horizont dessen, was ich für angebracht ereigne, hat sich zwar erweitert, meine Toleranz für das, was außerhalb dessen liegt, jedoch nicht.“ Und das heißt doch, dass sich eventuell nur unsere Gewohnheiten ändern und sich unser Wissen erweitert, aber nicht, dass wir wirklich bereit sind, Menschen so anzunehmen, wie sie wirklich sind. Es gibt jetzt viel mehr Möglichkeiten, wie „man sein darf“, aber ebenso gibt es immer noch unendlich viele Möglichkeiten, ein schwarzes Schaf zu sein…

Warum ist „anders“ gleich „falsch“?

Ich würde sagen, auf den ersten Blick falle ich nicht unbedingt in diese Kategorie. Ich scheine „gesegnet“ zu sein, einer Norm zu entsprechen, vielleicht sogar dem ein oder anderen „Ideal“. Und trotzdem kenne ich das Gefühl, mich nicht richtig „einfügen“ zu können. Ich habe es öfter erlebt, in manche Gruppen nicht wirklich reinzupassen. Menschen, mit denen man zwar klar kommt, aber irgendwie nicht auf einer Wellenlänge ist. Ich neige dann dazu, den Fehler bei mir zu suchen- vielleicht bin ich einfach schwierig/kompliziert/anstrengend. Aber warum muss es eigentlich bedeuten, „falsch“ zu sein, wenn man irgendwo nicht reinpasst? Warum ist es doch irgendwie häufig etwas Negatives, anders zu sein?

Zeit für eine bunte Schafherde

Im Laufe der Zeit hatte ich wunderbare Gespräche mit Menschen, mit denen ich sehr wohl auf einer Wellenlänge bin, die mir neue Perspektiven eröffnen konnten und ich ihnen vielleicht auch und daraus habe ich viel gelernt. Vielleicht ist es nicht immer etwas schlechtes, ein schwarzes Schaf zu sein. Denn gäbe es nur weiße Schafe, würde es nie Veränderung geben. Dann gäbe es nur eine Meinung, nur eine Möglichkeit. Und dann würden sich unsere Gewohnheiten wohl möglich niemals ändern. Dann würde Stillstand herrschen.

Also plädiere ich für zahlreiche schwarze, bunte, gefleckte Schafe, die unseren Horizont erweitern, auf dass er irgendwann so groß ist, dass genug Platz ist für jede kleinste Möglichkeit, wie jemand sein will, kann und dann auch darf.

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